Reihe „Lies, was dich begeistert“: Strizz – von Volker Reiche

Ein Beitrag von Dr. Daniel Müller

In Zeiten eines wie im Kalten Krieg dominierenden US-amerikanischen „Kulturimperialismus“ gibt es interessante gallische Dörfer, die extrem kultursensibel sind. Erstaunlicherweise gehören die Comics dazu, im Deutschen schon vom Namen her als US-Import gekennzeichnet.

Bildgeschichten gibt es schon lange und natürlich haben die USA kein Monopol darin; man muss nicht Bettina Hürlimann (1959) oder Dietrich Grünewald (2000) lesen, um das zu ahnen. Aber „Comics“, das ist in Deutschland zunächst einmal das Figurenimperium des Walt Disney (deutsche Zeitschrift „Micky Maus“ ab 1951). In Deutschland wurden die Comics als „Schund“ bekämpft; importierter Schund zudem, was es in den gestrengen Augen der fortamtierenden Schriftleiter der Jugendschriftenwarten des restaurierten Landes nicht besser machte. Die rebellierende Linke entlarvte mit Grobian Gans’ „Die Ducks. Psychogramm einer Sippe“ (1970) die unterschwellig kapitalistischen Werte des Comics und rief sowieso, um des (klassenkämpferischen) Realismus willen, mit Melchior Schedler zum Schlachten der blauen Elefanten (1973) auf.

Was der deutschen Massenzeichenware fast völlig fehlte, war der explizite und differenzierte politische Bezug. Das Genre der tagesaktuellen Comics als running commentary zur großen Politik, wie es in den USA etwa von Garry Trudeaus „Doonesbury“ oder Berke Breatheds „Bloom County“ verkörpert wurde, die in den USA täglich in hunderten Zeitungen erschienen und die bedeutendsten Journalistenpreise gewannen (Pulitzer Prize for Editorial Cartooning), hatte hier kein Gegenstück. Karikaturen und Comics blieben hermetisch getrennt.

Und dann kam Strizz, und ausgerechnet in der „Frankfurter Allgemeinen“! Zur Erinnerung: Bis zum 5. Oktober 2007 duldete dieses Zentralorgan des deutschen Konservatismus noch nicht einmal Fotos auf der Titelseite, einer Bleiwüste in riesigem Format. Trotzdem ließ sich das vielverkannte Blatt in einem Experiment auf einen echten, tagesaktuellen Zeitungscomic ein. Volker Reiche (geb. 1944) schuf hier von 2002 bis 2008 ein Universum von Figuren in drei überlappenden Teilreichen: erstens den Buchhalter Strizz, seinen Chef und weitere Angestellte, seine Freundin und spätere Frau Irmi sowie deren Mutter; zweitens den Neffen Raphael, mit seinen Stofftieren nebst Blechauto ein später noch erweitertes philosophisches Quintett bildend; und drittens den ultrabrutalen Kater des Chefs (Herrn Paul), Irmis Dackel Müller und den Hofhund Tassilo nebst weiteren Tieren. Diese Zirkel kommentieren in je eigener Diktion das Tagesgeschehen der späten Schröder- und frühen Merkeljahre: Das ist in jeder Hinsicht ganz große Kunst. Alle sieben Jahresbände liegen in der UB (11BPNR1004) vor, es empfiehlt sich die Lektüre in chronologischer Reihenfolge, sofern ich mich denn entschließen kann, die Bücher irgendwann zurückzugeben (eher unwahrscheinlich) oder ich durch eine Vormerkung dazu gezwungen werde.

Dr. Daniel Müller, Leiter des House of Young Talents der Universität Siegen

 


Titel: Strizz / Volker Reiche
Zitierlink zu diesem Titel: http://www.digibib.net/permalink/467/UBSI-x/HBZ:HT015217780
Website von Volker Reiche: http://www.strizz.de/

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